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  • Christoph Raethke

Das "Angels in Residence"-Manifest

Aktualisiert: Okt 12

Um von über 20 Jahren Startup-Erfahrung endlich flächendeckend zu profitieren, braucht Deutschland eine neue Berufsgruppe: den „Angel in Residence“.

Kurzer Rückblick. Eine Quintessenz aus einem Jahr „Angels of Deutschland“ ist, dass Privatinvestment in Startups mehr ist als ein Akt der Vermögensverwaltung. In ein neu gegründetes digitales Unternehmen investiert zu sein und sich inhaltlich zu engagieren, zieht eine enorme Lernkurve nach sich – eine Lernkurve, die wir in Deutschland unbedingt mitgehen müssen. Denn Schlagworte wie „Künstliche Intelligenz“, „IoT“ oder „Plattformen“ werden oft so daher gesagt, als wären sie Industriegüter, die genauso zu managen sind wie früher Kohle und Stahl. Dabei sind diese Technologien nichts wert ohne Gründerteams, die sie in Produkte ummünzen, die vom Markt nachgefragt werden. Diese Münzung nicht nur zu beobachten, sondern als Angel erst möglich zu machen, ist eine der handfestesten „digitalen“ Erfahrungen überhaupt. Eine Erfahrung, die man persönlich, von Mensch zu Mensch, machen muss – nur so werden Technologie, Investment und „New Work“ reell. Leider ist es eine Erfahrung, die den meisten Managern und Führungspersonen fehlt, die in Deutschland dafür verantwortlich sind, den „digitalen Wandel“ zu implementieren. So weit, so oft diskutiert und von Experten bestätigt im Podcast.

Aber das ist nur ein Punkt, in dem der Übertrag von Startup-Erfahrung in etablierte Organisationen besser funktionieren könnte und muss. Wie eingangs festgestellt, haben wir in Deutschland einen Fundus von mittlerweile über zwanzig Jahren praktischer Startup-Gründererfahrung, aus der heraus sich das Thema „New Work“ überhaupt erst entwickelt hat. Aber sich diese Erfahrung nutzbar zu machen, daran scheitern nach wie vor die meisten etablierten Organisationen. Corporate Accelerators, Company Building, einen prominenten Gründer in den Vorstand befördern, „Innovation Labs“, Management-Touren ins Valley oder nach Israel, Gründerzentren aus der grünen Wiese stampfen – vieles wird versucht. Aber der Schlüssel liegt nicht in dem Austausch von etablierten Organisationen – ich sage extra „Organisationen“, um auch Kommunen, Universitäten, Behörden einzuschließen – mit Startups auf struktureller Ebene. Sondern auf persönlicher, wie beim Angel Investment.

Und hier kommt der „Angel in Residence“ (AiR) ins Spiel.


Seit 2012 ist mein Geschäftsmodell das eines AiR (der Name ist ein Hybrid aus dem „Business Angel“, der Startups mit Geld und Erfahrung auf die Beine hilft, und dem „Entrepreneur in Residence“, einem Jobtitel für Mitarbeiter, die intern neue Projekte unternehmerisch aufbauen). Eines Selbständigen, der den Großteil seiner Zeit mit selbst initiierten Unternehmungen verbringt – in meinem Fall der Gründung und Führung eines Accelerators, dem Verfassen und Verbreiten von gründungsrelevanten Inhalten und Veranstaltungen und dem Investieren als Business Angel sowie der nachfolgenden Arbeit als Shareholder. All diese Formate und Aktivitäten, die kontinuierlichen Lernerfahrungen daraus und das Netzwerk dahinter stelle ich als AiR Organisationen zur Verfügung, die mit mir zusammenarbeiten wollen. Und das auf höchst effiziente, für mich wertvolle und für die andere Seite sehr bezahlbare Art und Weise. Um das konkret zu erklären, drei Beispiele aus meiner Praxis.

Von 2013 bis Ende 2018 habe ich das Intrapreneurship-Programm „UQBATE“ der Telekom begleitet, als Coach für die teilnehmenden Teams, als Sparringspartner für den Gründer Johannes Nünning, als Keynote Speaker auf den halbjährlichen Demo Days, aber auch als Verbinder mit der Startup-Szene außerhalb der Telekom. UQBATE-Teams waren zu meinen „normalen“ Meetups eingeladen, lernten Mentoren und Gründer kennen, die ähnliche Geschäftsmodelle betrieben. Sie wurden, mit anderen Worten, Teil der Peer-to-Peer-Unterstützung, die ein entscheidender Bestandteil des Erfolgs von Startups ist und die Konzern-Aktivitäten ansonsten oft verschlossen bleibt. Johannes für seinen Teil konnte ich mit Intrapreneurship-Protagonisten aus anderen Industrien vernetzen, weitere prominente Startup-CEOs als Speaker und Coaches vermitteln und eine Bühne für seine Expertise schaffen. Und das alles in einem Budget von zehn Tagen – im Jahr.

Beispiel zwei: Als Anfang 2018 die BASF die Gründung des Inkubators plante, der jetzt als Chemovator existiert, wussten die Verantwortlichen, dass sie beim Thema „Coaching und Mentoring“ auf externe Unternehmer mit praktischer Markt- und Kunden-Erfahrung setzen wollten. Diese sollte neue Kompetenzen einbringen, die nicht unbedingt in einem 150 Jahre alten Chemiekonzern existieren. Coaching durch Design-Thinking-Spezialisten ist etwas anderes als tatsächliche Erfahrungen eines richtigen Unternehmers. Aber wie erschafft man aus Ludwigshafen und Mannheim heraus einen Kreis von VC-erfahrenen Startup CEOs, die bereits Teams aufgebaut, mit wenig Geld Sales und Marketing aufgesetzt, alle Höhen und Tiefen des Unternehmertums erlebt und obendrein Lust und Zeit für regelmäßiges Coaching von Konzern-Intrapreneuren haben? Das habe ich damals einige ausgesuchte Startup-CEOs in Berlin gefragt, und innerhalb kurzer Zeit war, gemeinsam mit Chemovator-MD Markus Bold, eine initiale Gruppe von vier exzellenten Unternehmern aufgestellt, die seitdem mit den Venture Teams und dem Chemovator-Team zusammenarbeiten. Und wiederum ging und geht es auch darum, diesen Teams explizit Zugang zu Möglichkeiten außerhalb der Konzernwelt zu verschaffen. Die Zeit, die ich einsetze: zwei bis drei Tage im Monat.

Und Beispiel drei: 2019 eröffnete in Heilbronn der Bildungscampus der Schwarz-Stiftung, und ein wichtiger Bestandteil davon ist CampusFounders, eine Organisation, die für alle Bildungseinrichtungen am Standort das Thema Gründung und Unternehmertum eröffnen und die Brücke zu den vielen Mittelständlern der Region schlagen soll. Oliver Hanisch, der Gründungsgeschäftsführer, hatte zuvor 15 Jahre im Silicon Valley Firmen aufgebaut und beraten. Aber wie bildet man in einer Region, in der wenige schon mal in einem Accelerator gearbeitet oder digital gegründet haben, ein Team aus, das wiederum anderen weitergeben kann, wie es funktioniert? Als AiR dort steuere ich Content bei (bald live: ein kurzes Lehrvideo über „Investor Readiness“), habe Mentoring Sessions mit neuen Gründern gemacht, auf LinkedIn und in meinem Netzwerk Kandidaten gesucht, aber auch auf der konzeptionellen Ebene mit Oliver und den anderen darüber gesprochen, was Best Practice ist und was ich in den letzten 10 Jahren aus meinen Executive Education- und Corporate Entrepreneurship-Einsätzen gelernt habe. Zwei Tage im Monat hören sich dafür nicht viel an – aber man kann sehr, sehr effektiv sein, wenn man nicht in Abstimmungsmeetings muss und von der Admin befreit ist.

Und jetzt die gute Nachricht: Es gibt in Deutschland hunderte Gründer, die die unbarmherzige First-Hand-Erfahrung mit allem gemacht haben, was am Digitalen Unternehmertum wichtig und schwierig ist. Die große Teams und Firmenkulturen aufgebaut und Millionensummen an Investment eingeworben haben. Und die mit Begeisterung bereit sind, diese Erfahrungen nicht nur zu teilen, sondern den Protagonisten bei ihrer Implementierung zur Seite zu stehen. Und für die, auch das muss gesagt sein, zwei oder drei angemessen bezahlte Tagessätze im Monat ein richtiges Pfund sind.

Hunderte potentielle Angels in Residence, die Entscheidern in hunderten Unternehmen und Organisationen beiseite stehen und die Lücke zwischen Startup- und Industrieerfahrung schließen könnten.

Um sich als Führungskraft deren Erfahrung zu erschließen und einzusetzen, braucht es eigentlich nur eines: den Mut, die Rolle eines AiR zuzulassen. Anders als viele Dienstleister-und Berater-Geschäftsbeziehungen basiert diese Rolle auf Augenhöhe, Informalität und Vertrauen. Und noch eine andere Sache braucht es natürlich, nämlich strukturellen Zugang zu erfahrenen Startup CEOs, die derzeit noch nirgends „kaufbar“ sind. Meine AiR-Engagements haben sich entsprechend sämtlich Mund-zu-Mund ergeben, aber so ist das nicht nicht skalierbar. So wird die notwendige Breiten- und Tiefenwirkung nicht eintreten.


Deswegen habe ich mir die Domain www.angels-in-residence.com gekauft (ja. den Scherz, dass das auch ein Call Girl-Ring sein könnte, haben schon einige gerissen). Dass viele hervorragende Startup-Unternehmer für diese Rolle zu gewinnen sind, weiß ich; der entscheidende Indikator ist also, wie viele Firmeneigner und Führungskräfte sich einen AiR in ihrer Organisation wünschen würden – und das finde ich jetzt heraus. Wer die Idee gut findet und helfen möchte, teile bitte. Digitalisierung wurde zu lange und ineffizient über Strukturen, Beratungen und Seminare versucht; es wird Zeit, die Menschen nach vorne zu stellen.

www.angels-in-residence.com

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