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  • Christoph Raethke

Folge 11: "Startup" - warum jeder das darunter versteht, was ihm in den Kram passt.

Aktualisiert: März 20

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Einerseits könnte man sagen, dass alles Wissenswerte rund um Startup-Arbeitsweisen in den letzten zehn Jahren relativ eindeutig kodifiziert und niedergeschrieben wurde. In Büchern wie denen von Eric Ries und Steve Blank, in umfangreichen Blogreihen und Videoformaten, in Online-Schulungen von Google, von Universitäten und privaten Anbietern. Andererseits habe ich in aberhunderten Gesprächen mit Gründern in den letzten zehn Jahren oft gemerkt, dass der Interpretationsspielraum dieses Wissenskanons überraschend groß ist. Es beginnt schon beim Wort “Startup“, das verschiedene Gruppen verschieden interpretieren, und zwar so, wie es in ihre eigene Agenda passt. Eigentlich ist es von seinem Erfinder Steve Blank absolut eindeutig definiert: Ein Startup ist „eine temporäre Organisation, die dafür designt wurde, ein replizierbares und skalierbares Geschäftsmodell zu suchen“. So weit, so klar – Beratungen gehören nicht dazu, Selbständige gehören nicht dazu, und der Bäcker an der Ecke ist ebenfalls kein Startup, obwohl er erst letzte Woche aufgemacht hat und ein digitales Kassensystem hat.


Trotzdem las ich letztens einen LinkedIn-Post, in dem jemand – nennen wir ihn „Herrn B“ - stolz davon berichtete, dass er nach 20 Jahren Konzern vor drei Jahren ein Startup gegründet habe und warum das die beste Entscheidung seines Lebens gewesen sei. Und zwar habe er nach 20 Jahren in der Konzernkommunikation eine PR-Agentur gegründet, und die liefe gut. Das ist sicher eine schöne Erfolgsgeschichte. Nur mit Startups hat sie nichts zu tun, und ich habe mich gefragt, ob der Verfasser absichtlich geschwindelt hat („natürlich ist eine Agentur kein Startup, aber Startup hört sich cooler an, also sag ich das mal so“), oder ob er tatsächlich glaubt, dass jeder Selbständige oder Dienstleister irgendwie auch ein Startup ist (was mich stark an seiner Kompetenz als Kommunikator in der Tech-Branche zweifeln ließe). Der Plan schien jedenfalls aufzugehen, denn kein einziger der Gratulanten in den Kommentaren bemerkte oder stieß sich an diesem Punkt, und ich wollte kein Spielverderber sein.


Ohnehin ist Herr B mit diesem Etikettenschwindel nicht allein, denn auch die offizielle Seite überbietet sich gerne - bewusst oder ahnungslos – mit Falschangaben, was die Anzahl von Startup-Gründungen angeht. Denn zwischen Bundesländern, Regionen und Städten gibt es ein verzweifeltes Wettrennen darum, wer die meisten Startups sein eigen nennen darf. Dieses Wettrennen wird vor allem von Eitelkeit getrieben und nach den Regeln des Autoquartetts gespielt: mehr PS sticht weniger PS. Und wenn man für den Stich jede Neugründung und Selbständigkeit, jede neue Coaching-Praxis, jeden Coworking Space und jeden Herrn B als „Startup“ zählen muss, dann macht man das halt.


Soviel noch einmal als grundsätzliches Caveat an neue Business Angels. Aber eigentlich wollte ich in diesem Artikel auf etwas anderes hinaus, nämlich darauf, dass auch Gründer Fakten und Postulate oft unterschiedlich interpretieren. In den frühen 10ern trug es sich öfter zu, dass Gründer die Abwesenheit eines Geschäftsmodells mit dem Hinweis rechtfertigten, dass Twitter ja auch keines habe und trotzdem milliardenfinanziert sei. Wenn ich die Abwesenheit einer konkreten Problemstellung monierte, wurde ich, das muss 2013 gewesen sein, auf ein gänzlich nutz- und problemloses Startup namens „Amen“ hingewiesen, dass trotzdem von prominenten Investoren (Ashton Kutcher!) investiert und der Startup-Presse gefeiert wurde. Gemeinsam haben diese Beispiele, dass sie Endkunden-Modelle sind und viele Gründer glauben, dass ein B2C-Erfolg unberechenbar ist, er also theoretisch jedem gelingen kann. Wer hätte schließlich damit gerechnet, dass ausgerechnet Facebook das schaffen würde, woran MySpace und seien Wettbewerber so umfassend gescheitert waren?

Und vor vier Wochen berichtete ich im Blog von einem Team, das in punkto Rollen und Kompetenzen aus meiner Sicht völlig falsch und unfinanzierbar aufgestellt war, das aber nicht als Problem erkannte – denn wichtig sei doch die Einstellung, nicht Job-Titel, oder? Ohnehin sei eine Gründung doch „ein Marathon, kein Sprint“ – wer lange genug dranbleibt, wird irgendwann Erfolg haben, auch, wenn der Beginn katastrophal aussieht.


Image by Bruno /Germany from Pixabay


Aber wenn demnach alles irgendwie Startup ist, wenn alle Startup-Ansätze irgendwie richtig sind und jede Meinung dazu auch – wie soll man dann als Angel die Spreu vom Weizen trennen? Für mich selber habe ich darauf zwei Antworten. Erstens: Die entscheidende Maßgabe für den Angel ist Professionalisierung von Idee und Team, und jeder weiß, dass Professionalisierung Sorgfalt, datenbasierte Nachvollziehbarkeit und „Wahrheit“ braucht. Das hört sich banal an, aber man vergesse nicht, dass viele Marktteilnehmer diese Maßgabe nicht teilen; für sie ist a priori entscheidend, ob ein Team aus Nordrhein-Westfalen kommt, oder ob es einer bestimmten Agenda wie Nachhaltigkeit oder Frauenquote folgt.


Und zweitens komme ich immer wieder auf die eingangs genannte Definition von Steve Blank zurück. Auch Herr B kann in seiner Agentur Startup-Tools und agiles Arbeiten verwenden – das macht ihn aber immer noch nicht skalier- und investierbar. Womit er selber, und das sei ihm herzlich gegönnt, offenbar auch sehr glücklich ist.


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