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  • Christoph Raethke

Folge 4: Branchen und Produktideen des Todes.

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In der Startup-Branche ist es absolut kontrovers, zu behaupten, gewisse Ideen und Konstellationen könnten niemals funktionieren. Trotzdem ist das seit vielen Jahren meine Praxis, und das, obwohl ich damit ständig Gefahr laufe, mich öffentlich zu blamieren – dann nämlich, wenn jemand aus einer dermaßen disqualifizierten Idee einen umwerfenden Erfolg macht. Obendrein: Sagt man nicht, dass es das innere Wesen jeder Innovation ist, das bislang von „Fachleuten“ (ich setze das bewusst in Anführungszeichen) wie mir und dem übrigen Establishment für unmöglich Erklärte möglich zu machen? Und noch etwas kommt hinzu. In einem Umfeld, in dem 90% aller Frühstadiums-Startups sterben, ist es nicht nur kein Geniestreich, Gründungsprojekten das Scheitern vorauszusagen, sondern ein Ausdruck von Überheblichkeit und intellektueller Sparsamkeit.



Trotzdem mache ich das ständig – unter anderem seit viereinhalb Jahren in meinem öffentlichen Meetup (ehemals „G-Force“, jetzt „Christophs Feedback“). Und ich glaube sogar, dass es deutlich mehr nützt als schadet. Denn die Aufgabe eines Privatinvestors ist nicht, möglichst vielen zu helfen, mit ihren Ideen irgendwie weiterzukommen – das machen die Verwalter steuer- und konzernfinanzierter Budgets. Steinigt mich nicht, aber ein Business Angel investiert nicht in Gründer, die das Unmögliche möglich machen. Er investiert in Teams, die das Mögliche möglich machen, und schon das ist schwierig genug. Die offensichtliche Frage ist nur: Wie unterscheidet man das Mögliche vom Unmöglichen?


Darüber wird im Laufe von AngelsOfDeutschland noch oft zu sprechen sein. Aber in Begleitung des dieswöchentlichen Podcasts, in dem schon ein paar Punkte angesprochen werden, lehne ich mich aus dem Fenster: Hier zehn Ideen, die ich seit 1999 wieder und wieder und mit Schmackes habe scheitern sehen, die mir aber Jahr für Jahr von neuen Gründern, die von ihren gefallenen Vorgängern nichts wissen, mit großer Begeisterung (“gibt es noch nicht! Wir sind die ersten!“) gepitcht werden.


1. Sozialer Veranstaltungskalender: Veranstaltungen in deiner Umgebung, sortiert nach deinen Interessen oder Zusagen deiner Freunde


2. Freundschafts-/ Interessen-Matchmaking: Leute treffen, die sich auch für Veganismus, Heimwerken oder Mario Vargas Llosa interessieren.


3. Sportkumpels: Sich in einer fremden Stadt zum Joggen oder Tennisspielen verabreden.


4. Laien-Stadtführer: Eingeborene zeigen Touristen ihren Kiez/ kochen mit ihnen/ geben Geheimtipps


5. Aktivitätenmarktplatz: 1-4, plus Babysitten, auf einer Buchungsplattform zusammengefasst


6. Unentgeltliche Nachbarschaftshilfe: Ich gebe dir Gitarrenunterricht, dafür baust du meinem Nachbarn die IKEA Möbel zusammen, der wiederum mir die Bohrmaschine leiht.


7. Besseres Dating: Tinder zu oberflächlich, Parship zu teuer – wir haben was ganz neues!


8. Online-Galerien: Künstler verkaufen nichts – wir bringen sie online!


9. Coaching-Angebote/ -Marktplätze: Von „Karriere jetzt!“ bis zu „Achtsamkeit und Yoga“.


10. Concierge-Services: Per SMS oder App Kleindienstleistungen beauftragen, vom Einkauf im Supermarkt bis zu Räum mal meinen Keller auf.


Ich sagte eingangs, dass es kontrovers ist, über Ideen wie diesen den Stab zu brechen, unter anderem wegen des oft gehörten Arguments, dass alles am Team hängt – dass also ein hervorragendes Team auch solche Ideen in einen Erfolg oder wenigstens einen gelungenen Pivot (= eine Abwandlung der Grundidee) ummünzen kann. Ich entgegne dann immer, dass ein hervorragendes Team gar nicht erst auf solche Ideen kommt. Und wenn doch, dann in genauer Kenntnis der gescheiterten Versuche und mit durchdachten Antworten auf die Frage, was sie besser können als ihre seligen Vorgänger.


Gerade für neue Angels ist es deswegen wichtig, vor einem Investment eigenhändig nachzuprüfen, wie die Vorgeschichte einer Idee aussieht. Also das zu betreiben, was man im Fachchinesisch „Due Diligence“ nennt – eine Analyse, ob die Gründer „angemessene Sorgfalt“ bei der Ausarbeitung ihrer Geschäftsidee und ihres Investmentangebots haben walten lassen. Nur dann entdeckt man möglicherweise, dass bestimmte Vorhaben (wie meine Top 10 oben) schon dutzendfach gescheitert sind, wovon in der Pitch-Präsentation der neuesten Gründer nichts stand - bisweilen aus schierer Unkenntnis selbiger Gründer.


Zur Präsentation von flowpilot.io aus dem Podcast.

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