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  • Christoph Raethke

Folge 14: Was tun, wenn es abwärts geht

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In der 14. Folge des AoD-Podcasts geht es darum, wie man als Investor helfen kann, wenn es abwärts geht – wenn also die Erfolgsaussichten eines Startups im Sturzflug sind. Und das passiert im Leben eines jungen Teams ständig, weswegen die schmerzhafteste Frage, die sich Gründer immer wieder stellen, ist: Mache ich weiter, oder höre ich auf?


Image by Walter Knerr from Pixabay


Selten ist bei einer Frage so unbarmherzig beides richtig. In der Literatur – also den Blogs, Podcasts, Texten, Videos von Gurus wie Guy Kawasaki, Simon Synek, Gary Vaynerchuk, Eric Ries, Alexander Osterwalder und vielen mehr – gibt es eine lange Tradition der Durchhalte-Appelle. Von Allgemeinplätzen wie „es ist ein Marathon, kein Sprint“ bis zu den aberhunderten Anekdoten, in denen Startups erst nach dem Überwinden unüberwindbar scheinender Krisen zum Milliardenerfolg wurden, spricht für sie alles dafür, dass die Frage nach dem Aufgeben immer mit „nein“ beantwortet werden sollte. Und das, obwohl sie wissen, dass es hier um äußerst heftige Konstellationen geht, die man niemandem zumuten möchte. Was wiederum die Team-Zusammenstellung so wichtig macht. In der Konzernwelt werden Teams vorrangig nach Kompetenzen zusammengestellt, und wenn man Glück hat, auch noch nach Persönlichkeitsmerkmalen. In der Startup-Welt ist dagegen für Investoren oft das wichtigste Kriterium, wie hart ein Team einstecken kann. Kompetenzen kann man sich on-the-job aneignen, persönliche Animositäten lassen sich wegcoachen. Aber die Mentalität, sich wieder und wieder aus dem Abgrund zu hieven, die hat man - oder nicht. Wer diese Mentalität einmal bewiesen hat, kann sich nachher seinen Job aussuchen - Bezos (Amazon), Kalanick (Uber), Jobs (Apple) haben es bewiesen. Ihr Zeugnis und das vieler anderer Unbezwingbarer ist es, das Ben Horowitz in seiner eigenen Geschichte, die er in seinem einflussreichen Buch „The Hard Thing about Hard Things“ erzählt, mit ablegt. Ich habe es schon im Podcast ausgeführt: „Hard Things“ ist ein einschüchterndes Werk, das bis ins Detail darlegt, was es heißt, nicht aufzugeben.


Dem gegenüber stehen zum einen die immer deutlicher in den Vordergrund rückenden Konsequenzen dieser Arbeitsweise. Burn Out, Angststörungen, Traumata, das sind schon lange keine verdrängten Schattenseiten mehr. Unter Gründern wird darüber offen geredet – diese Themen waren nie geheim. Im Podcast erwähne ich die Post Mortems, die eine lange Tradition haben und in denen Gründer eine unbarmherzige, klarsichtige Rückschau halten darauf, warum und wie der Absturz ihres Startups ablief. „War es das wert?“ ist die immer wieder gestellte Frage.


Mein persönlicher Blick auf die Sache ist, dass ich befürchte, dass auch ohne Burn-Out viele Gründungsprojekte es eben nicht wert sind. Ich veranstalte seit fünf Jahren ein regelmäßiges Meetup, zu dem alle eingeladen sind, die so früh wie möglich professionelles Feedback zu ihrem Vorhaben einholen möchten. Am Anfang jeder Sitzung erkläre ich immer, warum ich dieses Meetup mache: um angehende Gründer davon abzuhalten, sich das Genick zu brechen für etwas, das es nicht lohnt. Mein Maßstab dafür, was sich lohnt und was nicht, ist vor allem werteorientiert, im Sinne von: Kann die Idee genug positiven Wert schaffen? Und damit meine ich a priori nicht den finanziellen Gewinn. Ich habe auch nach über 20 Jahren in der Branche noch eine, nennen wir sie von mir aus „romantische“, Vorstellung davon, was lohnende Ziele sind. Dazu gehören zum Beispiel nicht die investorengetriebenen Planspiel-Hypes, also die Schuh-Marktplätze, Rabattportale, Billigreisen-Vermittler oder Tretroller-Buden. Ebenso wenig dazu gehören „AdTech“-Ideen, mit denen man Kunden noch genauer/ öfter/ profitabler „targeten“ kann. Mit all diesen Dingen kann man Geld verdienen, aber will man wirklich nachts wach liegen und morgens verzweifelt aufwachen, um Kunden zu ermöglichen, ihre Mitmenschen noch penetranter mit Werbung zu belästigen?


Ähnliches sage ich auch über die vielen Vorhaben, die sich in einem Umfeld extremer Verwöhntheit abspielen und immer dieselbe Kundschaft gutaussehender, wohlhabender, kerngesunder, mode-, umwelt- und ernährungsbewusster Menschen von 20 bis 35 im Fadenkreuz haben. Darunter fallen sehr viele der „New Food“-, Mode-, Social Networking/ Dating und Reise-Ideen, die ich höre. Auch da ist meine Frage: Will man wirklich seine Nerven ruinieren, Freunde verlieren und eine Existenz im Tunnel führen, um einen glutenfreien Paläo-Müsliriegel für fünf Euro in die Biomarkt-Regale zu bringen?


Aber der Satz, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, zählt auch für Startup-Gründer; den Willen, das eigene Vorhaben trotz Dekadenzvorwürfen und Problemferne als unbedingt notwendig einzuschätzen, bricht kein Argument so leicht. 2017 lachten alle über die Insolvenz des US-Startups Juicero, das in drei Jahren 120 Millionen Dollar Investment durchbrachte, um eine Saftpresse mit Wifi-Anschluss zu bauen - und gelacht wurde auch über die Venture Capital-Profis, die es finanziert hatten. Aber das letzte, was über den Gründer zu erfahren ist, ist, dass er seit 2018 unbeirrt „Raw Water“ verkauft. Ungereinigtes Quellwasser, angeblich ein Mördertrend an der Westküste.


Wenn Gründerteams trotz allem weitermachen, dann müssen sie sich sicher sein, dass es um eine große, wertschaffende Sache geht. Aber was das bedeutet, darüber wird es niemals Konsens geben.


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