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  • Christoph Raethke

Folge 16: "In 30 Minuten zum Mittagessen": Wie nah muss man dran sein?

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In der neuen Folge des Podcasts gibt es zum ersten Mal einen englischen Pitch. So etwas hatte ich ursprünglich nicht vor, denn meine Absicht ist es ja, das Thema „Business Angel“ in deutscher Sprache verständlich zu machen; englischsprachige Inhalte gibt es genug. Aber manchmal liegen gute Investment-Gelegenheiten auch für deutsche Investoren außerhalb Deutschlands – und die Frage ist, ob und wann man diesen nachgehen sollte.


Das Beispiel von Jambl und Gad Hinkis aus dem Podcast passt nicht wirklich zur Beantwortung dieser Frage, denn obwohl er Israeli ist, leben Gad und sein Team seit vielen Jahren in Berlin. Aber wer sich als potentieller Investor zu erkennen gibt, bekommt natürlich auch viele Anfragen von Interessierten aus dem Ausland. Dem gegenüber steht eine alte Investoren-Weisheit – dass man nämlich nur in Startups investiert, mit denen man sich innerhalb einer halben Stunde persönlich treffen kann. Diese Weisheit war lange in Stein gemeißelt, denn so bildete sich das Silicon Valley-Ökosystem heraus. Alle namhaften US-Investoren der ersten Stunde sitzen in der Nähe des Highway 101, der von San Francisco nach Süden bis nach San José verläuft und an dem alle legendären Orte der Branche aufgereiht sind – Menlo Park, Sunnyvale, Palo Alto, und der Apple-Hauptsitz in Cupertino ist auch nur ein paar Blocks entfernt. 1999 war uns ansonsten ahnungslosen Erstgründern eines klar: Wer von diesen – damals mehr oder weniger einzigen – erfahrenen und erfolgsverwöhnten VCs Geld will, muss in ihre Nachbarschaft ziehen.



Begründet wird das nicht mit Bequemlichkeit, sondern den Realitäten der Zusammenarbeit zwischen Investoren und Startups. In der aktuellen Angels Of Deutschland-Folge geht es ja um das erfolgreiche Wirken von Beirat und Beratern, und es stimmt einfach: Auch, wenn man vieles über Video Calls machen kann, braucht es immer wieder persönlichen Austausch und Zusammenarbeit. Ganz besonders natürlich in der kritischen Phase des Fundraisings, wo der persönliche Eindruck die halbe Miete ist.


Dieser Umstand begrenzt aber natürlich die Dezentralität der Startup-Szene. Und das, obwohl politisch gewünscht und mit Steuergeld gefördert wird, das Thema „Startups“ in die Breite zu tragen. Die Bundesregierung hat 2017 ein Netz von „DE-Hubs“ etabliert, das endlich Startup-Metropolen wie Dortmund und Nürnberg ihren Anteil am Rampenlicht verschafft. Anderswo wirken private Gelder, wie zum Beispiel in Ostwestfalen-Lippe (Bertelsmann-Stiftung) und Heilbronn (Schwarz-Stiftung). An all diesen Orten gibt es kein nennenswertes Startup-Investoren-Ökosystem - das gibt es in Deutschland nur in Berlin. Auf diese Tatsache kann man so oder so reagieren; die Klugen tun es, indem sie die Vernetzung mit Berlin fördern, die Dummen, indem sie so tun, als wäre Investorennähe nicht weiter wichtig.


Aber das ist sie, und das wirft für Angels die Frage auf, wie sie auf Investment-Gelegenheiten aus dem Ausland oder auch nur aus weit von ihrem Wohnort entfernten Orten reagieren sollen. Sind wir nicht in Deutschland und Europa ein bisschen föderaler und offener als die selbstherrlichen Silicon Valley-Potentaten? Heißt es nicht überall, dass es um einen gemeinsamen Markt geht, in dem ein Investor aus Osnabrück auch in ein Startup in Neapel investieren sollte? Nicht erst, seitdem ich mich mit AoD beschäftige, versuche ich, da bessere Antworten zu finden als nur Ja oder Nein; im Januar war ich in Moskau und habe dort auf meiner Meetup-Veranstaltung wieder einmal lokale Gründer und Startups getroffen, die auf alle Fälle Investmentfähig waren. Aber wenn ich mir vorstelle, wie die Investment- und vor allem die Zusammenarbeits-Praxis unter diesen Umständen aussähe, stellt sich Ratlosigkeit ein. Wie schon oft beschrieben, findet ein Startup – und damit seine Investoren – selbst unter idealen Voraussetzungen nur sehr schwer den Weg zum Erfolg. Enge Zusammenarbeit zwischen Investor und Team, schneller Zugang zu exklusiven Ressourcen, unkomplizierter und informeller Austausch in Zeiten der Krise machen den Weg wenigstens ein bisschen weniger beschwerlich. Alles, was das behindert, erhöht dagegen ein ohnehin schon hohes Risiko – weswegen ich auch so ein Skeptiker bin, was von oben und auf der grünen Wiese geschaffene „Hubs“ angeht, die manchmal sogar behaupten, ihre Abgeschiedenheit vom Startup-Ökosystem sei ein Vorteil („weniger Ablenkung, kein Hype, nahe an den Kunden“).


Angesichts dessen ist meine beste Empfehlung an neue Angels, Investments in räumlich weit entfernte Teams nur zusammen mit anderen zu machen, die vor Ort sind und denen man vertraut – und eher darauf zu verzichten, über eine Beirats- oder Beraterfunktion verbindlicher Bestandteil von Entscheidungsprozessen zu werden. Wer explizit lokal investieren möchte, muss für sich durchdenken, dass er dadurch möglicherweise nicht so vielversprechende Investment-Targets bekommt (wobei es mittlerweile eine ganze Menge hervorragender „Startup-Schmieden“ an Orten mit starker Wissenschafts- und Universitätspräsenz gibt, wie zum Beispiel Karlsruhe oder Aachen). Die gute Nachricht: Mit dieser Einstellung kommen Startups aus anderen EU-Ländern absolut auch in Frage, allerdings muss man sich die Arbeit machen, vorher den Rechtsrahmen und die Formalitäten zu erkunden. Wenn man das tut, kann man sogar positive Überraschungen erleben – noch nie habe ich eine so unkomplizierte, 100% digitale Zusammenarbeit erlebt wie mit Startups aus Finnland.


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